Monte Carlo, 5. September 2026 – Die Weltwirtschaft erlebt derzeit einen Investitionssuperzyklus (CapEx). Deutlich mehr Kapital fliesst in Rechenzentren, Energiesysteme und andere strategische Infrastruktur und lässt die Nachfrage nach Industrieversicherungen steigen. Das Swiss RE Institute schätzt, dass allein KI-Rechenzentren und Infrastruktur für erneuerbare Energien zwischen 2026 und 2030 rund 200 Mrd. USD an Prämien generieren könnten. Gleichzeitig schafft der Investitionsboom grössere und konzentriertere Risiken, da sich Vermögenswerte regional ballen und zunehmend auf gemeinsam genutzte Infrastrukturen und Netzwerke angewiesen sind.
Gianfranco Lot, Chief Underwriting Officer Property & Casualty Reinsurance von Swiss RE : «Wir erleben, wie die digitale Wirtschaft zur realen Wirtschaft wird. KI benötigt Rechenzentren, Stromnetze sowie zunehmend komplexe Infrastruktur – und all das muss versichert werden. Daraus ergeben sich Wachstumschancen für zahlreiche Geschäftssparten, aber auch erhebliche Risikokonzentrationen. Die Kapazitätsbereitstellung wird davon abhängen, wie gut wir diese Risiken verstehen und steuern können und ob wir für die damit verbundenen Extremrisiken vergütet werden.»
Jérôme Haegeli, Group Chief Economist und Head Swiss RE Institute: «Es zeichnet sich eine neue Investmentära ab, und es fliessen noch nie da gewesene Kapitalbeträge in die Infrastruktur, die das künftige Wirtschaftswachstum treiben wird. Dies führt aber auch zu einer Konzentration von Vermögenswerten und schafft neue Abhängigkeiten von Stromnetzen, Lieferketten und digitalen Netzwerken. Versicherung ist unverzichtbar, wenn diese Investitionen RESILIENT und finanzierbar sein sollen.»
KI und Energieversorgung als Treiber einer neuen Investmentära
Laut der neuesten sigma Studie des Swiss RE Institute, «Time to build: Expanding the Frontier Communications of insurability for the capex super-cycle» treiben KI und Energieinfrastruktur den Investitionssuperzyklus. Im Jahr 2026 werden die weltweiten Investitionen in die Energieversorgung voraussichtlich 3,4 Bio. USD erreichen, wobei rund 2,2 Bio. USD in erneuerbare Energien, Atomkraft, Stromnetze, Speicherung, emissionsarme Treibstoffe, Effizienz und Elektrifizierung fliessen. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass die fünf grössten US-amerikanischen Hyperscalers im Jahr 2026 annähernd 800 Mrd. USD in KI investieren werden, während die Schätzungen für die weltweiten Investitionen in Rechenzentren 1 Bio. USD übersteigen.
Dieses Investitionsausmass verwandelt den IT-Vermögenswert Rechenzentrum in strategische Infrastruktur. Der Strombedarf wird in Gigawatt gemessen, der Vermögenswert in Milliarden Dollar, und der Betrieb ist abhängig von Elektrizität, Telekommunikation, Kühlsystemen und Cloud-Infrastruktur. Dieser Bedeutungszuwachs schafft erheblichen Versicherungsbedarf, aber auch neue Risikokonzentrationen.
Risikokonzentration betrifft nicht nur die geografische Lage
Der sigma-Bericht identifiziert vier strukturelle Faktoren, durch die sich Risiken konzentrieren: grössere individuelle Vermögenswerte, geografische Ballungen, Abhängigkeiten in den Lieferketten sowie gemeinsam genutzte physische und digitale Netzwerke. Diese Faktoren können sich gegenseitig verstärken. Dadurch kann eine einzelne Störung zahlreiche Versicherungsnehmer, Sektoren und Geschäftsbereiche gleichzeitig treffen.
Der Wiederbeschaffungswert einzelner KI-Rechenzentren einschliesslich ihrer IT-Ausstattung kann bis zu 50 Mrd. USD betragen. Zudem entstehen Rechenzentren vermehrt dort, wo Strom, Bauland, Wasser und Netzanbindung gut verfügbar sind. Allein auf Texas und Virginia entfallen über 40% der bestehenden und geplanten US- Rechenzentrumskapazitäten. Mehr als ein Viertel der gesamten US- Kapazität liegt ausserdem in Gebieten, in denen jährlich an mindestens drei Tagen mit kräftigem Hagel zu rechnen ist, und rund 40% liegen in Gebieten mit mindestens drei Tornadotagen pro Jahr.
In Asien zeigt sich eine ähnliche Risikokonzentration in Taiwan, wo rund 88% der Fertigungsanlagen für Halbleiter in Gebieten mit hohem bis sehr hohem Erdbebenrisiko angesiedelt sind. Da Taiwan eine zentrale Rolle in der globalen Halbleiterlieferkette spielt, kann ein Grossschaden auch erhebliche Folgen für nachgelagerte Sektoren haben.
Abhängigkeit von spezialisierten Zulieferern stellt ein weiteres Risiko dar. Für kritische Komponenten wie Hochspannungstransformatoren können die Lieferzeiten mehrere Jahre betragen. Dadurch können sich Projekte verzögern und Schäden durch Betriebsunterbrechungen steigen. Zudem können gemeinsam genutzte Strom- und Digitalnetze Störungen auf Firmen übertragen, die ansonsten nicht miteinander verbunden sind.
Risikoverständnis erschliesst Versicherungskapazität
Laut Swiss RE Institute fehlt es nicht an Versicherungskapital. Entscheidend ist vielmehr, ob sich dieses auch bei zunehmend komplexen Risiken verlässlich einsetzen lässt. Für viele dieser grossen Infrastrukturprojekte gibt es noch wenig Erfahrung aus dem laufenden Betrieb. Deshalb ist schwer abzuschätzen, wie häufig Schäden auftreten und wie hoch diese ausfallen können. Gleichzeitig können sich Risiken stark konzentrieren und sehr hohe Schäden entstehen. Das erschwert es, Risiken breit zu verteilen und Versicherungskapazität bereitzustellen.
Die Betriebsphase stellt die nächste Herausforderung für die Versicherbarkeit dar. Baurisiken sind vergleichsweise gut bekannt. Mit der Inbetriebnahme hochwertiger Anlagen steigen jedoch die Sach-, Betriebsunterbrechungs- und Haftungsrisiken sowie die Risiken durch indirekte Betriebsunterbrechungen. In manchen Fällen können die finanziellen Verluste infolge einer Betriebsunterbrechung sogar höher ausfallen als der eigentliche Sachschaden.
Von Atomkraft bis Cyber haben sich die Versicherungsmärkte immer wieder auf neu entstehende Risiken eingestellt. Auch bei der grösseren und stärker vernetzten Infrastruktur von heute ist es entscheidend zu verstehen, wie sich Risiken konzentrieren können. Technisch versiertes Underwriting, präzisere Modelle und eine verbesserte Steuerung von Risikokonzentration helfen dabei, Risiken verlässlicher einzuschätzen. Werden diese Risiken auf Versicherer, Rückversicherer und Kapitalmärkte verteilt, verteilen sich auch grosse Exponierungen auf mehrere Bilanzen. So bleiben grosse Infrastrukturprojekte versicherbar und Investitionen, die das künftige Wirtschaftswachstum tragen, können unterstützt werden.
So erhalten Sie diese «sigma»-Studie:
Die englischsprachige Version von «sigma» 3/2026, «Time to build: Expanding the Frontier Communications of insurability for the capex super-cycle», ist in elektronischer Form erhältlich. Sie können den Bericht hier herunterladen.